Manche Dinge entdeckt man nicht plötzlich. Sie sind einfach da, selbstverständlich, als hätten sie nie gefehlt.
Wenn ich heute an meine Vergangenheit denke, wird mir klar, dass diese Momente schon immer da waren. Ich habe sie nur lange nicht benannt, vielleicht weil ich nie das Bedürfnis hatte, sie zu hinterfragen.
Es war einfach ich.
In der Schulzeit waren es die Jungs, die mir gefielen und die meine Aufmerksamkeit am meisten auf sich zogen. Meine Zuneigung zeigte sich nicht auf klassische Weise, sondern eher in kleinen Bissen, Ohrfeigen und spielerischer Provokation. Sie hatte immer etwas Freches, etwas Unberechenbares.
Ich mochte es, wenn sich etwas in ihrem Blick veränderte. Wenn aus Selbstsicherheit plötzlich Unsicherheit wurde. Wenn ich merkte, dass da nicht nur Interesse war, sondern auch Respekt, vielleicht sogar ein Hauch von Unsicherheit oder eine Spur Furcht.
Damals habe ich das nicht weiter hinterfragt. Es war kein Konzept, kein Label, nur ein Gefühl, das sich durchgezogen hat.
Bis zu diesem Abend.
Mit 19 war ich zum ersten Mal auf einer Fetischveranstaltung. Nicht, weil ich gezielt danach gesucht habe, sondern weil mich diese Welt angezogen hat. Die Ästhetik, die Haltung.
Ich war allein dort, ohne Erwartungen.
Ich sah Paare, einzelne Personen, Menschen mit Halsband. Manche geführt, manche nicht. Nichts fühlte sich fremd an.
Ich sog die Energie um mich herum auf, die Musik, die Menschen, die Stimmung. Irgendwann stand ich auf der Tanzfläche und bewegte mich, als würde ich genau dorthin gehören.
Und in mir entstand ein Impuls. Ich wollte jemanden jagen, zum Tanzen.
Ich ging zur Bar und fragte, ob ich mir eine Leine ausleihen kann. Kurz darauf hielt ich sie in der Hand.
Zurück auf der Tanzfläche veränderte sich mein Blick. Ich nahm meine Umgebung plötzlich viel bewusster wahr.
Mein Fokus lag auf Personen mit Halsband, die allein dort standen, ohne Führung, ohne Begleitung.
Gesucht und gefunden. Keine Frage, keine Erklärung.
Du tanzt jetzt mit mir.
Ich zog ihn mit mir auf die Tanzfläche und er folgte.
Natürlich tat er das.
Genau darin lag der Reiz. Dieses unmittelbare Reagieren, dieses stille Einverständnis, ohne dass etwas ausgesprochen werden musste.
Beim Tanzen ging es nicht um Bewegung, sondern um Kontrolle. Um das Gefühl, jemanden zu führen, ohne ihn zu zwingen. Um diesen schmalen Grat zwischen Nervosität und Hingabe.
Als ich genug hatte, ließ ich ihn wieder los.
Ich habe genug getanzt. Du bist frei.
Und ich meinte es genau so.
Ich ließ ihn stehen und ging zurück zur Bar.
Ein wenig später kam er zu mir. Sein Blick war gesenkt, seine Stimme vorsichtig. Er fragte mich, ob ich mich über eine Fußmassage freuen würde.
Ich merkte sofort, wie viel Überwindung ihn diese Frage gekostet hatte. Und genau das gefiel mir.
Ich nickte.
Ich ließ ihn neben mir knien und mir die Schuhe ausziehen. Während ich dort saß, die Musik hörte und die Szene beobachtete, spürte ich, wie sich etwas in mir setzte.
Etwas, das sich nicht neu anfühlte, sondern vertraut.
In diesem Moment musste ich lächeln.
Ich wiederholte dieses Spiel im Laufe des Abends noch einige Male, immer mit anderen Personen.
Ein Blick, eine Entscheidung, ein Moment von Führung.
Bis heute denke ich manchmal an diesen Abend zurück und muss schmunzeln.
Es war nichts Extremes, nichts, was von außen spektakulär gewirkt hätte.
Aber rückblickend ist es für mich eine Erfahrung gewesen, die mich näher zu etwas gebracht hat, das schon immer da war, dem bislang aber noch kein Name gegeben wurde.
I am Femdom.

